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Lünendonk, November 2016

Keine Industrie 4.0 ohne Logistik 4.0

Mario Zillmann

Bei Industrie 4.0 geht es bei der Digitalisierung häufig nur um die Produktion. Unternehmen nutzen neue Technologien, um Maschinen zu vernetzen, Geschäftsprozesse zu beschleunigen oder die Kosten für Serienfertigung zu senken. Aber wie kommen die automatisiert hergestellten Waren dann zum Kunden?

Lieferketten werden im Zuge von Industrie 4.0 zu Liefernetzwerken, die Wertschöpfungskette wird zum Wertschöpfungsnetzwerk. Für Logistiker bedeutet das Herausforderung und Chance zugleich. Eine Logistik 4.0, und damit eine komplette Digitalisierung der gesamten Lieferkette, muss her.

Bei intelligenten Lieferketten geht es um die Steuerung des Ökosystems von Lieferanten, Produktion, Logistik und Absatz. Sie sind damit ein sehr wichtiger Bestandteil von Industrie 4.0, denn erst durch die Kombination von vernetzten Maschinen und Anlagen mit den IT-Systemen und den Lieferketten aller beteiligten Unternehmen können Produktions- und Absatzprozesse neu gestaltet werden. Möglich wird dies vor allem durch die Verknüpfung aller beteiligten Wertschöpfungsketten sowie des Datenaustauschs mittels Sensoren und IP-Adressen in Echtzeit. Teile der Produktionsplanung und der Beschaffung, der Tourenplanung und Transportberechnung werden eigenständig von „den Dingen“ übernommen, die ihrerseits wiederum Informationen aus dem übergreifenden Kontext der Smart Factory oder des Internets der Dinge und Dienste bekommen. Entsprechend hoch ist auch die Bedeutung der Digitalisierung in Industrie und Logistikunternehmen.
Laut einer Lünendonk-Studie mit über 100 Interviewpartnern aus dem Topmanagement, Fachbereichen und IT aus Industrie und Logistik spielt die Digitalisierung aktuell bereits eine wichtige Rolle für den Geschäftserfolg. Jedoch wird diese Bedeutung in den nächsten zwei Jahren massiv zunehmen. Die Folge ist eine Vielzahl an Veränderungs- und Anpassungsprojekten der Unternehmen zur Neuausrichtung ihrer Prozesse und zur Einführung neuer Technologien. So investieren CIOs in den kommenden Jahren vor allem in Datensicherheit, Big Data und Cloud-Technologien und modernisieren gleichzeitig ihre IT-Prozesse, indem sie beispielsweise Alt-Softwarelösungen ersetzen.

Logistikprozesse noch nicht reif für Industrie 4.0

Häufig ist noch keine vollständige Übersicht über die gesamte Lieferkette vorhanden. Insbesondere dann nicht, wenn Partner wie Zulieferer, Abnehmer und Transportdienstleister in die Wertschöpfungsprozesse enger integriert werden. Die Komplexität steigt durch mehr Vernetzung aller Partner untereinander und es erhöhen sich die Anforderungen an die Steuerung der Lieferkette, da Abhängigkeiten enorm zunehmen. Eines der Kernprobleme stellt die Qualität der Stammdaten dar, die von allen Beteiligten unterschiedlich verwaltet werden. Häufig gibt es verschiedene Standards für Material- oder Kundenstammdaten und eben keine eindeutige Identifikation. Ein reibungsloser und automatisierter Produktions- und Logistikprozess wird dadurch erheblich erschwert. Ein CIO hat es auf einem Vortrag vor kurzer Zeit so ausgedrückt: „Wer seine Stammdaten nicht im Griff hat, braucht mit digitalen Geschäftsmodellen gar nicht erst anfangen.“ Eine Smart Supply Chain in der Fertigungsindustrie 4.0 sollte in der Lage sein, in Echtzeit die Transaktionen innerhalb der Logistikkette darzustellen, nachzuverfolgen, zu prognostizieren und zu optimieren. Dazu ist es erforderlich, dass sämtliche relevante Daten aus den ERP-Systemen der beteiligten Netzwerkpartner aus Produktion und Logistik berücksichtigt werden.

Logistik in die Cloud

Eine Lösung der IT zur Realisierung der Smart Supply Chain ist die Konsolidierung aller Bestandsdaten in einer zen­tralen IT-Plattform. Auf diese sollten alle Verantwortlichen Zugriff haben, um die Verfügbarkeit der Bestände in allen operativen Systemen in Echtzeit zu überwachen. Hierzu müssen auch die Flussdaten aller Aufträge und Warenströme lückenlos verfolgt werden. Problematisch ist dabei weniger die Sammlung der Daten als vielmehr ihre Weitergabe und Verarbeitung über Systemgrenzen hinweg und eine übergreifende einheitliche Semantik für die Gesamtmenge der Daten unterschiedlicher Formate und Strukturen. Aber erst branchenübergreifende Standards erschließen das Potenzial von Fertigungsindus­trie 4.0 und Smart Logistics vollständig. Noch sind solche Standards weder in der Industrie noch in der Logistik eingeführt – einige Ansätze sind aber vorhanden wie beispielsweise das Referenzarchitekturmodell RAMI 4.0 als Grundlage einer Industrie-4.0-Plattform oder der elektronische Luftfrachtbrief e-AWB (e-Air-Waybill). Große Erwartungen hinsichtlich eines Standards für Industrie 4.0-Anwendungen „made in Germany“ werden an RAMI 4.0 gestellt. Dieses Konzept ist ein vom VDE, VDI und ZVEI entwickeltes Referenzarchitekturmodell für die Digitalisierung industrieller Wertschöpfungsketten. Ein zentraler Punkt dabei wird die Einführung einer gemeinsamen Cloud-Plattform sein, über die sämtliche Beteiligten des Ökosystems angebunden sind und medienbruchfrei und nach höchsten Sicherheitsstandards Daten austauschen können. Die Schwierigkeit solcher Plattformen besteht jedoch vor allem darin, dass die Anforderungen aller Beteiligten erfüllt werden. Die Anforderungen an solche Plattformen sind vor allem unter dem Aspekt der Datensicherheit, der Datenverknüpfung sowie der Verfügbarkeit enorm hoch. Hinzu kommt die noch nicht abschließend geklärte Frage nach der Datensouveränität, sprich wer Eigentümer der Daten in einer gemeinsamen Plattform ist.

Fazit

Der Markt für datenbasierte Logistik erscheint lukrativ. Werden Logistikunternehmen dieses Potenzial nutzen – oder drängen neue Akteure als Intermediäre oder Serviceanbieter in diesen neu entstehenden Markt? Mit den Markteintritten branchenfremder Akteure, die ihre Kompetenz im Sammeln und Auswerten von Daten einbringen, könnten diese in Konkurrenz zu den etablierten Logistikdienstleistern treten und die Entwicklung beschleunigen. Und warum sollten die branchenfremden Bedrohungen, denen sich die Automobilindustrie, die Banken und andere durch große Internetfirmen gegenübersehen, in der Industrielogistik ausbleiben? Aktuell geht MAN mit seiner Logistikplattform RIO in die Offensive. Die Plattform wird die Systeme aller Beteiligten eines Liefernetzwerks integrieren und zentral auswerten. Gerade für kleine und mittelgroße Logistiker scheint dies interessant zu sein.

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